“In den seidenen Gardinen rauschte es geheimnißvoll…”

“The Raven” von Edgar Allan Poe und die deutsche Version von Anna Vivanti-Lindau. Ein Gastbeitrag von Tom Rüdell.

Der Rabe gräbt sich ein. Seit ich “The Raven” von Edgar Allan Poe so ungefähr mit 17 zum ersten Mal wahrgenommen habe, wollte ich ihn auswendig lernen, alle 18 Strophen, alle 108 Zeilen. Weil es nichts weniger als ein perfekt verarbeitetes Gedicht ist. Und weil ich dachte und noch denke, dass es sich lohnt, sich damit zu beschäftigen. Über die ersten drei Strophen und dann noch einige Bruchstücke bin ich zwar – bisher – nie wirklich hinausgekommen. Diese Passagen aber sitzen sehr tief drin.

Once upon a midnight dreary, while I pondered weak and weary,
over many a quaint and curious volume of forgotten lore…

Die Handlung ist mir dabei eigentlich immer recht egal gewesen. Sie ist auch, wie so einiges von Poe, nicht sehr gut gealtert: Ein – natürlich schwermütiger – Mann, der nachts ein Geräusch hört und einen Raben vor seiner Tür findet, der sich bei ihm einnistet und ihm, so empfindet es der Mann, Nachricht aus dem Totenreich von seiner verstorbenen Geliebten, Lenore, bringt. Er wird sie nie mehr, oder wie der Rabe sagt, „Nimmermehr“ wiedersehen. Woraufhin der Mann – natürlich – noch schwermütiger wird.

Man mag es autobiographisch ausdeuten: Poes Mutter Eliza starb als Edgar knapp drei Jahre alt war. Seine viel zu junge (und viel zu nah mit ihm verwandte) Frau Virginia war bereits seit Jahren schwer krank, als „Der Rabe“ entstand. Virginia, war Poes Cousine, er hatte sie 27-jährig geheiratet, als sie 13 Jahre alt war. Sie starb am 30. Januar 1847, also fast auf den Tag genau zwei Jahre nach dem „Raben“, an Tuberkulose. Ihre jahrelang angegriffene Gesundheit trieb Poe zum Alkohol und ihr Tod wohl auch zum Opium, wobei ungeklärt bleibt, ob er als süchtig nach einem der beiden bezeichnet werden kann.

Ob die Vorbilder für die „Lost Lenore“ nun aus seinem eigenen Leben stammen oder nicht: Das Thema des Gedichts habe er gewählt, so Poe, weil „der Tod einer wunderschönen Frau fraglos das poetischste Thema der Welt“ sei. Der „Rabe“ sollte ein Experiment sein, das laut Poe „den Geschmack der Masse und den der Kritiker gleichermaßen“ treffen sollte. Das gelang ihm sicher.

Großartige Schockwirkung vermag die Story vom Vogel mit dem begrenzten Wortschatz im 20. bzw. 21. Jahrhundert nicht mehr zu entfalten – sprechende Raben gibt es mittlerweile schon im Kinderfernsehen. Aber: Der Sound. Der Rhythmus. Der Binnenreim, den Poe bis zum Äußersten ausreizt: still the beating … stood repeating … visitor entreating – surely that is… window lattice … what thereat is – shorn and shaven … sure no craven … stately raven.

Die Alliterationen, die durch die Strophen rollen: Deep into that darkness peering, long I stood there, wondering, fearing, dreaming dreams no mortal ever dreamed to dream before.

Das Tempo, das der Autor perfekt kontrolliert – anders als die meisten Vortragenden auf den Aufnahmen, die man so findet, übrigens: Die meisten lesen zu langsam. Damit Poes Konstruktion ihren speziellen Groove entfaltet, braucht es aber eine gewisse Geschwindigkeit.

Zum Geburtstag des Raben ein Leporello

Kurzum: Ich mag dieses Gedicht sehr. Und es war mir daher eine überaus große Freude, mich zusammen mit Anna Markfort (Offenlegung: Sie ist meine Frau.) um eine illustrierte Leporello-Auflage zu kümmern, die mittlerweile in Annas Onlineshop halberhahn.com erhältlich ist. Es hat großen Spaß gemacht, den Raben dazu nochmal, wieder und wieder, auf mögliche Besonderheiten abzuklopfen, die sich im Endprodukt wiederspiegeln sollten. Und vor allem, aus zahlreichen verfügbaren Übersetzungen die eine auszusuchen, die am Treffendsten erscheint.

Vor ziemlich genau 175 Jahren, erschien der Rabe zum ersten Mal. Poe, zeitlebens chronisch unterbezahlt, hatte das Werk mehrfach verkauft: zuerst für 9 Dollar (etwa 300 Dollar in heutiger Währung) an das Magazin „American Review“, das es aber erst im Februar 1845 abdruckte; und als Vorabkopie an den „Evening Mirror“, wo der „Rabe“ bereits am 29. Januar 1845 erschien – sein erster Auftritt auf der literarischen Bühne.

Zahlreiche weitere Veröffentlichungen quer durch die Verienigten Staaten folgten, die zwar Poes Bekanntheit weiter steigerten, an seiner finanziell prekären Situation jedoch nichts änderten. Ein Gedichtband des durch den Raben landesweit bekannten Dichters wurde nachgeschoben. Die Leser der vierziger und fünfziger Jahre des 19. Jahrhunderts wollten Poe und seine Schwermut. Den “Ohrwurm der amerikanischen Lyrik” nennt Literaturkritiker Denis Scheck den Raben. Poe hatte einen Hit gelandet – sehr viel später kam sein Vogel sogar bei den Simpsons vor. Nur reich wurde er damit mal wieder nicht.

Was auch folgte: Eine ganze Reihe an Übersetzungen weltweit. Auch in Deutschland scheint es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts beliebter Salonsport gewesen zu sein, den Raben ins Deutsche zu übertragen. Wikisource weist 13 Übersetzungen zwischen 1853 und 1908 aus – von Menschen mit klangvollen Namen wie Elise von Hohenhausen über Carl Theodor Eben über Betty Jacobson bis zu Theodor Etzel. Es sind wunderschöne Texte, denen man leider aber zum Teil die Mühe anmerkt, die es gekostet haben muss, einen englischen Text vom Kaliber Edgar Allan Poe in die eigene Spache zu ziehen.

Eine Version sticht dabei heraus, aus verschiedenen Gründen: Anna Vivanti-Lindau kommt 1878 nah genug ans Original, geht aber selbstbewusst zu Werke: Sie gibt zum Beispiel Poes strenges Versmaß (den achthebigen Trochäus) und sein markantes Reimschema (ABCBBB) auf. Und auch – leider – den Binnenreim. Aber sie klingt dabei moderner und deutlich müheloser als die anderen Übersetzer ihrer Zeit. 

Und ich raffte mich zusammen, öffnete die Thür und rief:
„Werther Herr, verehrte Dame, o! verzeih’n Sie mir, ich schlief.
Deshalb glaubt’ ich kaum, es käme Jemand noch so spät zu mir,
Denn Sie klopften gar so leise, gar so leis’ an meine Thür.“
Suchend blickt’ ich in das Dunkel, aber Alles öd’ und leer, –
Tiefe Stille – sonst nichts mehr.

Klare Worte statt Bildungsdünkel

Das liegt zum Beispiel auch daran, dass Vivanti-Lindau den Text an den richtigen Stellen “entmythifiziert”: Zwar kann man sie sicher als Bildungsbürgerin bezeichnen. Aber wo Poe großen Wert auf seine klassische Bildung legt, seine Anspielungen auf die giechische Sagenwelt prominent platziert, verwendet Vivanti-Lindau klare Begriffe: Was im Original “Nepenthe” heißt, ein mythologisches Heilmittel, quasi ein Antidepressivum aus Homers Odyssee, ist bei Vivanti-Lindau schlicht “die süße Labe”. Und Poes Frage “Is there Balm in Gilead”, eine mit biblischen Metaphern verklausuliert ausgedrückte Hoffnung darauf, dass in der Nachwelt alles besser wird, lautet bei ihr “Heilt das Jenseits uns’re Wunden?”. Sie tut, was eine mutige Übersetzerin tun muss: Sie macht das Original zugänglich.

Wegen dieser “umstandsloseren” Sprache steht die Übersetzung auf der Rückseite von Annas Leporello in nachtblau (statt schwarz) vor einer modernen Häuserreihe, anstatt vor einem klassizistischen Gründerzeit-Prachtbau (was, zumindest autobiographisch, sowieso nicht gestimmt hätte – Poes Behausungen waren eher ärmlich). Der Rest bleibt im Dunkeln, und auch das gefällt mir sehr: In einem der Bungalows brennt Licht im ersten Stock und wir können nur vermuten, was dort gerade passiert.

Über die Frau, der wir diese schöne deutsche Version verdanken, wissen wir übrigens deutlich weniger als über den Schöpfer von “The Raven”, Edgar Allan Poe: Anna Vivanti-Lindau, so erzählt es Wikisource, hat neben dem “Raven” noch ein Gedicht von Geoffrey Chaucer ins Deutsche übertragen und eine Novelle geschrieben. Ihr Leben müssen wir uns wohl als recht bewegt vorstellen: Sie war mit dem italienischen Seidenhändler Anselmo Vivanti verheiratet, der aus politischen Gründen erst in London und später in den USA Asyl fand.

Anna Vivanti-Lindau starb 1880 in Mailand. Ihre Nische in der Literaturgeschichte ist eher klein. Aber gerade deshalb hat es mich sehr gefreut, ihre Version des “Raben” zu finden, zu verstehen und für eine kleine, aber feine Neuveröffentlichung auszuwählen.